Warum Blutwerte in den Wechseljahren oft mehr Fragen als Antworten liefern
Wenn die Periode unregelmäßig wird oder typische Beschwerden auftreten, liegt die Idee nahe: „Ich lasse meine Hormone bestimmen – dann weiß ich Bescheid.“ In der Praxis ist es jedoch häufig komplizierter. Denn die Wechseljahre (medizinisch: Klimakterium) sind keine einzelne Phase, sondern ein Übergang, in dem die Eierstockfunktion allmählich abnimmt. Dadurch schwanken Hormone teils stark – von Woche zu Woche oder sogar von Tag zu Tag.
Das erklärt, warum ein Laborbefund manchmal „unauffällig“ wirkt, obwohl Symptome ausgeprägt sind. Ebenso kann ein einzelner Wert „auffällig“ sein, obwohl die Person sich gut fühlt. Wer lernen möchte, Hormonwerte in den Wechseljahren einzuordnen, sollte deshalb zwei Dinge zusammen betrachten:
- klinische Situation (Alter, Zyklusmuster, Beschwerden, Vorerkrankungen)
- Laborwerte (welcher Marker, welcher Zyklustag, welches Labor/Referenzintervall)
In Deutschland und Österreich kommt hinzu: Je nach Krankenkasse, Praxis und Labor werden unterschiedliche Parameter routinemäßig angeboten. Manche Werte sind sehr hilfreich, andere werden häufig überschätzt. Dieser Artikel ordnet das ein – mit dem Ziel, dass Sie Befunde besser verstehen und zielgerichteter mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sprechen können.
Die Phasen der Wechseljahre: Was im Körper hormonell passiert
Die Begriffe werden im Alltag oft vermischt. Für die Interpretation von Blutwerten ist es jedoch hilfreich, die typischen Phasen zu kennen:
- Prämenopause: Zyklen überwiegend regelmäßig, erste Veränderungen möglich.
- Perimenopause: Übergangsphase mit zunehmend unregelmäßigen Zyklen, häufig stärkste Schwankungen.
- Menopause: Zeitpunkt der letzten spontanen Regelblutung (rückblickend nach 12 Monaten ohne Blutung definiert).
- Postmenopause: Zeit nach der Menopause; die Hormonproduktion der Eierstöcke ist deutlich reduziert.
Hormonell zentral ist: Mit abnehmender Follikelreserve sinkt langfristig die ovarielle Produktion von Estradiol und Progesteron. Gleichzeitig steigen oft FSH und LH, weil die Hirnanhangsdrüse versucht, die Eierstöcke stärker anzuregen. Das Entscheidende: Die Werte verlaufen nicht linear. Gerade in der Perimenopause können Estradiol-Spitzen auftreten, obwohl die Gesamtentwicklung abwärts geht.
Welche Blutwerte werden häufig bestimmt – und was bedeuten sie wirklich?
Im Labor gibt es mehrere „klassische“ Parameter. Nicht jeder Wert ist in jeder Situation sinnvoll. Unten finden Sie die wichtigsten Marker mit praxisnaher Einordnung.
Estradiol (E2): Das wichtigste Östrogen – aber ein Wert mit Tücken
Estradiol (E2) ist das biologisch wichtigste Östrogen im fruchtbaren Alter. In den Wechseljahren nimmt die Estradiolproduktion langfristig ab. Dennoch gilt: Ein einzelner E2-Wert kann irreführend sein, weil Estradiol in der Perimenopause stark schwankt.
Was ein niedriger Estradiol-Wert nahelegen kann:
- Fortgeschrittene Perimenopause oder Postmenopause
- Symptome wie Hitzewallungen, vaginaler Trockenheit, Schlafstörungen (müssen aber nicht zwingend parallel verlaufen)
Was ein „normaler“ oder höherer Wert nicht ausschließt:
- Perimenopausale Beschwerden
- Zyklusunregelmäßigkeiten
- „Östrogen-Dominanz“-ähnliche Konstellationen (z. B. relativ zu niedriges Progesteron)
Für das Ziel, Hormonwerte in den Wechseljahren einzuordnen, ist bei Estradiol besonders wichtig: Zeitpunkt der Blutabnahme (Zyklustag) und Symptomkontext. Bei unregelmäßigem Zyklus ist ein exakter Zyklustag häufig nicht mehr sinnvoll bestimmbar – und damit wird die Interpretation schwieriger.
Progesteron: Oft der früheste „Kipppunkt“ in der Perimenopause
Progesteron wird vor allem nach dem Eisprung (Lutealphase) gebildet. Viele Frauen erleben in der Perimenopause zunächst häufigere Zyklen ohne Eisprung (anovulatorische Zyklen). Dann kann Progesteron deutlich niedriger ausfallen – auch wenn Estradiol zeitweise noch hoch ist.
Typische Hinweise auf niedrigeres Progesteron in der Perimenopause können sein:
- Schlafprobleme, innere Unruhe
- Brustspannen, PMS-ähnliche Beschwerden
- Zwischenblutungen oder verkürzte Zyklen
Wichtig: Progesteron ist stark zyklusabhängig. Eine Messung „irgendwann“ ist selten aussagekräftig. Klassisch wird Progesteron etwa 7 Tage nach dem Eisprung bestimmt – aber wenn kein Eisprung stattfindet oder der Zyklus unregelmäßig ist, ist das schwer zu planen.
FSH (Follikelstimulierendes Hormon): Der bekannte Marker – aber kein alleiniger Beweis
FSH steigt typischerweise, wenn die ovarielle Rückmeldung (v. a. Estradiol/Inhibin) abnimmt. Viele kennen die Aussage: „FSH hoch = Wechseljahre.“ Das ist als grobe Orientierung nicht falsch, aber in der Perimenopause kann FSH sprunghaft sein.
Was ein erhöhtes FSH unterstützen kann:
- Hinweis auf nachlassende Ovarialfunktion
- Abgrenzung bei unklarer Amenorrhö (z. B. wenn die Periode ausbleibt)
Was ein nicht erhöhtes FSH nicht ausschließt:
- Perimenopause mit deutlichen Beschwerden
- Starke Schwankungen je nach Zyklusphase
In Deutschland und Österreich wird FSH häufig routinemäßig mitbestimmt. Sinnvoll wird es vor allem dann, wenn die klinische Situation dazu passt (Alter, Zyklusveränderungen) oder wenn Ärztinnen/Ärzte Differenzialdiagnosen abklären möchten.
LH (Luteinisierendes Hormon): Ergänzend, aber selten allein entscheidend
LH kann ebenfalls steigen und schwanken. Als Einzelwert hat LH in den Wechseljahren meist weniger Aussagekraft als FSH. Es kann aber ergänzen, besonders wenn es um Zyklusdiagnostik, Eisprungthemen oder bestimmte Störungen der Hypophyse geht.
AMH (Anti-Müller-Hormon): Reserveanzeige – begrenzt menopausetauglich
AMH spiegelt die Follikelreserve wider und ist aus der Kinderwunschmedizin bekannt. In der Perimenopause sinkt AMH oft sehr niedrig. Dennoch ist AMH kein exakter „Menopause-Zeitpunkt“-Test. Es kann Hinweise geben, wie weit der Übergang fortgeschritten ist, aber die Vorhersage ist individuell unsicher.
AMH kann in bestimmten Situationen hilfreich sein, z. B. wenn sehr früh Symptome auftreten oder wenn die Frage nach einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz im Raum steht. Für die alltägliche Beschwerdeabklärung wird es in D/A nicht immer standardmäßig eingesetzt.
Testosteron und DHEA(-S): Libido, Energie, Muskelkraft – mit Vorsicht interpretieren
Androgene wie Testosteron und DHEA-S spielen bei Libido, Antrieb und Muskelstoffwechsel eine Rolle. In den Wechseljahren können sich Androgene verändern, aber die Zusammenhänge sind komplex. Zudem ist Testosteron im weiblichen Bereich analytisch schwierig zu messen; je nach Labor unterscheiden sich Methoden und Aussagekraft.
Wann Androgenwerte sinnvoll sein können:
- deutlich verminderte Libido (nach Ausschluss anderer Ursachen wie Stress, Medikamente, Beziehung, Schmerzen)
- ungeklärter Haarausfall, Akne oder Hirsutismus (dann eher in Richtung Androgenüberschuss)
- ausgeprägte Erschöpfung – aber immer im Gesamtkontext
Wichtig: Ein „niedriger Normwert“ bedeutet nicht automatisch, dass eine Therapie nötig oder sinnvoll ist. Gerade bei Testosteron sollte die Entscheidung sorgfältig und leitlinienorientiert erfolgen.
SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin): Der unterschätzte Schlüssel zur „freien“ Hormonwirkung
SHBG bindet Sexualhormone im Blut. Je höher SHBG, desto weniger „frei“ verfügbar sind Estradiol und Testosteron. SHBG wird u. a. beeinflusst durch:
- Östrogene (z. B. orale Östrogentherapie kann SHBG erhöhen)
- Schilddrüsenhormone
- Körpergewicht/Insulinresistenz (oft niedrigeres SHBG)
Wenn Symptome nicht zum „Gesamt“-Testosteron passen, kann SHBG helfen, die Situation besser zu verstehen. Für viele ist das ein praktischer Baustein, um Hormonwerte in den Wechseljahren einzuordnen, ohne sich auf einen isolierten Einzelwert zu verlassen.
TSH, fT3, fT4: Schilddrüse als häufige Verwechslung
Schilddrüsenstörungen können Wechseljahresbeschwerden imitieren oder verstärken (z. B. Herzklopfen, Schlafstörungen, Stimmung, Gewicht). Deshalb ist TSH (ggf. plus fT4/fT3) in vielen Fällen sinnvoll. In D/A gehört es häufig zur Basisabklärung, besonders bei:
- starker Müdigkeit, Frieren/Schwitzen, Gewichtsschwankungen
- Herzrasen, Nervosität
- familiärer Belastung für Schilddrüsenerkrankungen
Vitamin D, Ferritin, B12, HbA1c: „Nicht-Hormone“, die Symptome prägen
Nicht alles ist hormonell. In der Praxis helfen oft auch Ferritin (Eisenstatus), Vitamin D, Vitamin B12 und je nach Situation HbA1c (Zuckerstoffwechsel). Diese Werte erklären zwar nicht die Wechseljahre, können aber Beschwerden wie Erschöpfung, Stimmungstiefs oder Muskelschmerzen mit beeinflussen.
Referenzbereiche: Warum „normal“ nicht immer „passend“ heißt
Laborberichte zeigen Referenzintervalle. Diese basieren häufig auf statistischen Verteilungen in Populationen – nicht zwingend auf optimalen Bereichen für Ihr Wohlbefinden. Außerdem unterscheiden sich Referenzwerte zwischen Laboren (Methodik!). In den Wechseljahren kommt hinzu, dass Referenzbereiche teils zyklusabhängig angegeben werden, obwohl der Zyklus gerade unregelmäßig ist.
Für eine sinnvolle Interpretation gilt:
- Immer Referenzbereich des Labors mitlesen (nicht pauschal Tabellen aus dem Internet vergleichen).
- Messzeitpunkt dokumentieren: Zyklustag, letzte Blutung, Uhrzeit (bei Cortisol).
- Medikamente/Supplemente angeben: Pille, Hormonspirale, HRT, Schilddrüsenmedikation, Biotin etc.
Einzelmessung vs. Verlauf: Wie Sie Laborwerte wirklich nutzen
Viele Missverständnisse entstehen, weil nur einmal gemessen wird. In der Perimenopause kann es sinnvoller sein, Werte im Verlauf zu betrachten, insbesondere wenn die Ergebnisse Konsequenzen haben (z. B. Therapieentscheidung). Gleichzeitig ist „ständig testen“ selten hilfreich und kann verunsichern.
Pragmatische Faustregeln:
- Bei klarer Symptomatik und passendem Alter kann die Diagnose oft klinisch gestellt werden – Labor ist nicht immer nötig.
- Wenn Labor, dann zielgerichtet: z. B. FSH/E2 bei Amenorrhö oder unklarer Situation, TSH bei unspezifischen Beschwerden.
- Bei widersprüchlichen Ergebnissen: lieber ein zweites Mal zu einem sinnvollen Zeitpunkt messen als in Aktionismus verfallen.
Hormonwerte in den Wechseljahren einordnen: Häufige Konstellationen (mit Praxisbezug)
Die folgenden Muster sind typische Denkmodelle – keine Selbstdiagnosen. Sie helfen, Laborberichte und Symptome in Beziehung zu setzen.
Konstellation 1: Starke Beschwerden, aber „Östrogen normal“
Das ist in der Perimenopause häufig. Gründe:
- Estradiol schwankt – die Blutabnahme fiel in eine höhere Phase.
- Beschwerden können durch schnelle Abfälle entstehen, nicht nur durch dauerhaft niedrige Werte.
- Progesteron kann relativ niedrig sein (anovulatorische Zyklen), was Symptome verstärkt.
- Schlaf, Stress, Schilddrüse, Eisenmangel können parallel wirken.
Konstellation 2: FSH erhöht, Estradiol wechselhaft, Zyklen unregelmäßig
Das passt oft zur Perimenopause. Ein erhöhtes FSH ist ein Puzzleteil, aber nicht der einzige Entscheidungsfaktor. Hier ist die Symptomlast entscheidend: Sind Hitzewallungen, Schlafprobleme oder vaginale Beschwerden stark, kann das therapeutische Gespräch sinnvoll sein – unabhängig davon, ob Estradiol „noch“ im Referenzbereich liegt.
Konstellation 3: Postmenopause: Estradiol eher niedrig, FSH eher hoch
Nach der Menopause stabilisieren sich Werte meist auf einem neuen Niveau. Dann sind Laborwerte oft konsistenter. Beschwerden können sich bessern – müssen aber nicht. Besonders urogenitale Symptome (Trockenheit, Schmerzen, wiederkehrende Harnwegsinfekte) können sogar stärker werden, weil lokale Östrogeneffekte fehlen.
Konstellation 4: Symptome wie Herzrasen, Angst, Gewichtsveränderungen – und TSH auffällig
Hier sollte die Schilddrüse ernsthaft in Betracht gezogen werden. Eine Über- oder Unterfunktion kann Wechseljahresbeschwerden verstärken oder imitieren. In D/A ist die Abklärung über Hausärztin/Hausarzt oder Endokrinologie gängig, je nach Befundkonstellation.
Wann ist eine Hormonbestimmung sinnvoll – und wann eher nicht?
Viele Leitlinien betonen: Bei typischen Beschwerden im passenden Alter ist keine umfangreiche Hormonlabordiagnostik nötig, um „Wechseljahre“ zu bestätigen. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen Blutwerte sehr hilfreich sind.
Sinnvoll (häufige Beispiele)
- Sehr frühe Beschwerden (z. B. unter 40): Abklärung auf vorzeitige Ovarialinsuffizienz.
- Amenorrhö (Ausbleiben der Periode) ohne klare Erklärung.
- Therapieplanung bei komplexen Situationen (z. B. gleichzeitig Schilddrüsenerkrankung, unklare Blutungen).
- Differenzialdiagnostik: z. B. PCOS, Hyperprolaktinämie, Schilddrüse.
Eher nicht sinnvoll
- „Einmal schauen, wo ich stehe“, obwohl Symptome und Alter bereits sehr typisch sind.
- Wiederholte Kontrollen ohne Konsequenz (führt oft zu Verunsicherung).
- „Optimierung“ ohne Beschwerden und ohne medizinische Fragestellung.
Blutwerte richtig vorbereiten: So erhöhen Sie die Aussagekraft
Wenn Blut abgenommen wird, können Sie selbst dazu beitragen, dass die Ergebnisse besser interpretierbar sind:
- Zyklusinfos notieren: erster Tag der letzten Blutung, Zykluslänge, Zwischenblutungen.
- Symptome dokumentieren: z. B. Hitzewallungen (Häufigkeit), Schlaf, Stimmung, Libido, Blutungsstärke.
- Medikamentenliste mitbringen: inklusive pflanzlicher Präparate, Hormone, Schilddrüse, Psychopharmaka.
- Biotin (hochdosiert, z. B. in Haar-/Nagelpräparaten) kann bestimmte Immunoassays stören – vorher ärztlich klären.
Gerade in Deutschland und Österreich ist es üblich, dass Laborwerte im Rahmen von Gynäkologie oder Hausarztpraxis abgenommen werden. Je klarer die Fragestellung, desto passender die Auswahl an Parametern.
Häufige Symptome und ihr Bezug zu Hormonen (ohne vorschnelle Schlüsse)
Viele Beschwerden können hormonell mitbedingt sein, aber selten gibt es eine 1:1-Zuordnung. Die folgende Übersicht hilft, Zusammenhänge realistisch zu sehen:
- Hitzewallungen/Nachtschweiß: oft mit Östrogenabfall und neurovegetativer Umstellung assoziiert; Laborwerte korrelieren nicht immer mit der Stärke.
- Schlafstörungen: können durch Nachtschweiß, Stress, Progesteronveränderungen oder Schilddrüse beeinflusst sein.
- Stimmungsschwankungen/Ängstlichkeit: hormonelle Schwankungen, Lebensphase, Schlafmangel, psychosoziale Faktoren.
- Gewicht/Body Composition: eher langfristige Veränderung (Muskelmasse ↓, Fettverteilung ↑); nicht allein „ein Östrogenwert“.
- Vaginale Trockenheit/Schmerzen: häufig postmenopausal; lokale Therapie kann unabhängig von Blutwerten sinnvoll sein.
- Libidoveränderungen: multifaktoriell; Androgene können eine Rolle spielen, müssen aber nicht Hauptfaktor sein.
Therapie und Lebensstil: Was Blutwerte (nicht) entscheiden sollten
Laborwerte sind ein Werkzeug – sie ersetzen keine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. Ob eine Behandlung sinnvoll ist, hängt v. a. von Beschwerden, Gesundheitsrisiken und persönlichen Präferenzen ab. In Deutschland und Österreich wird häufig nach Leitlinien beraten, z. B. zu menopausaler Hormontherapie (MHT/HRT), lokalen Therapien oder nicht-hormonellen Optionen.
Menopausale Hormontherapie (MHT/HRT): Wann sie diskutiert wird
Eine systemische Hormontherapie wird typischerweise erwogen bei:
- moderaten bis starken vasomotorischen Beschwerden (Hitzewallungen/Nachtschweiß)
- ausgeprägten Schlafproblemen in Zusammenhang mit vasomotorischen Symptomen
- Lebensqualitätsverlust, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen
Ob Blutwerte dafür „passen“, ist oft zweitrangig: Entscheidender sind Symptome, Alter, Zeit seit Menopause, Risikofaktoren (z. B. Thrombosen, Brustkrebs in der Vorgeschichte) und die geeignete Präparatewahl (z. B. transdermal vs. oral, Gestagenbedarf bei vorhandenem Uterus).
Lokale Östrogentherapie: Häufig unabhängig vom Serum-Estradiol sinnvoll
Bei urogenitalen Beschwerden (Trockenheit, Brennen, Schmerzen beim Sex, rezidivierende Harnwegsinfekte) kann eine lokale Östrogentherapie sehr wirksam sein. Serumwerte spiegeln lokale Effekte nicht zuverlässig wider. Hier geht es weniger darum, „wie niedrig E2 ist“, sondern wie stark die Schleimhautbeschwerden sind.
Nicht-hormonelle Optionen (Auswahl)
- Lebensstil: Ausdauer- und Krafttraining, Schlafhygiene, Alkoholreduktion (insb. bei Nachtschweiß), Stressmanagement
- Ernährung: proteinreich, ballaststoffreich; Fokus auf Knochengesundheit (Calcium/Vitamin D nach Bedarf)
- Medikamentöse Alternativen bei Hitzewallungen (ärztlich): je nach individueller Situation
In D/A legen viele Patientinnen Wert auf eine Kombination aus evidenzbasierten Maßnahmen und alltagstauglichen Strategien. Blutwerte können dabei helfen, Mängel (z. B. Ferritin) zu erkennen, sind aber selten der alleinige Dreh- und Angelpunkt.
Mythen und typische Missverständnisse rund um Hormonlabore
„Wenn mein FSH hoch ist, brauche ich automatisch Hormone“
Nein. Ein erhöhter FSH-Wert ist ein Hinweis auf den Übergang, aber die Behandlung richtet sich nach Beschwerden und individueller Risikolage – nicht nach einem Grenzwert allein.
„Wenn Estradiol normal ist, können es keine Wechseljahre sein“
Doch. Gerade in der Perimenopause sind normale oder hohe Estradiolwerte möglich. Entscheidend sind Schwankungen, Progesteronmuster, Zyklusveränderungen und Symptome.
„Mehr messen = mehr Kontrolle“
Häufig führt es eher zu Verwirrung, weil tagesabhängige Schwankungen als „Problem“ missverstanden werden. Sinnvoll ist eine klare Fragestellung und – wenn nötig – eine Verlaufskontrolle.
„Speicheltests sind grundsätzlich genauer als Blut“
Für manche Fragestellungen werden Speicheltests beworben. In der klinischen Routine und Leitlinienmedizin sind Serumtests in der Regel besser standardisiert. Wenn Sie alternative Messmethoden nutzen möchten, sprechen Sie vorher mit einer fachkundigen Ärztin/einem fachkundigen Arzt darüber, wie belastbar die Ergebnisse sind und welche Konsequenzen daraus folgen.
Besondere Situationen: Wann Sie genauer hinschauen (und nicht abwarten) sollten
Die Wechseljahre sind meist ein natürlicher Übergang. Dennoch gibt es Warnzeichen, bei denen eine zeitnahe ärztliche Abklärung wichtig ist:
- Sehr starke oder anhaltende Blutungen, Blutungen nach der Menopause
- Neu auftretende starke Schmerzen im Becken/Unterbauch
- Depressive Symptome, Suizidgedanken, schwere Angstzustände
- Herzrasen/Brustschmerz, Luftnot (nicht nur „Wechseljahre“ abtun)
- Beschwerden vor dem 40. Lebensjahr (Abklärung auf POI)
Arztgespräch in Deutschland & Österreich: Welche Fragen helfen wirklich?
Viele Patientinnen erleben, dass sie entweder sehr schnell beruhigt („alles normal“) oder sehr schnell auf Werte fixiert werden. Hilfreich ist ein strukturiertes Gespräch. Diese Fragen können Sie mitnehmen:
- Welche Verdachtsdiagnose steht im Raum – Perimenopause, Schilddrüse, Eisenmangel, etwas anderes?
- Welche Werte sind für meine Situation sinnvoll – und warum gerade diese?
- Welche Alternativen zur Therapie gibt es, und welche Nebenwirkungen sind relevant?
- Welche Form (z. B. transdermal/oral/lokal) wäre ggf. passend – und wovon hängt das ab?
- Wann kontrollieren wir nach – und was soll sich dadurch ändern?
Gerade im D/A-Kontext kann es außerdem helfen zu fragen, ob bestimmte Leistungen Kassenleistung sind oder als IGeL/Privatleistung abgerechnet werden und welchen Nutzen man realistischerweise erwarten darf.
Kurze Checkliste: So können Sie Ihre Befunde selbst besser lesen
- 1) Kontext prüfen: Alter, Zyklus, Symptome, Medikamente.
- 2) Referenzbereich des Labors beachten (nicht nur „Internetwerte“).
- 3) Einzelwert nicht überbewerten (v. a. E2/FSH in der Perimenopause).
- 4) Begleitfaktoren (TSH, Ferritin, Vitamin D, HbA1c) mitdenken.
- 5) Konsequenz klären: Was würde sich durch das Ergebnis ändern?
Fazit: Werte sind ein Werkzeug – entscheidend ist das Gesamtbild
Wer versucht, Hormonwerte in den Wechseljahren einzuordnen, sollte sich nicht von einzelnen Zahlen verunsichern lassen. In der Perimenopause sind Schwankungen normal; ein „normaler“ Estradiolwert schließt Beschwerden nicht aus, ein erhöhtes FSH ist kein automatisches Therapieetikett. Am meisten profitieren Sie, wenn Sie Laborwerte als Ergänzung zur klinischen Einschätzung nutzen: Symptome, Zyklusveränderungen, Gesundheitsgeschichte und persönliche Ziele bilden zusammen das Bild.
Wenn Sie sich gut vorbereitet ins Arztgespräch begeben, klare Fragen stellen und Befunde im Verlauf statt als Momentaufnahme betrachten, werden Blutwerte zu dem, was sie sein sollen: ein hilfreicher Kompass – nicht die ganze Landkarte.
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei starken Beschwerden, unklaren Blutungen oder Warnzeichen wenden Sie sich bitte an Ihre gynäkologische Praxis oder Hausarztpraxis.